Prozess vs. Resultat – Ich und das Singen: Ein Erfahrungsbericht

Meine Reise durch das Singenlernen begann im Jahr 2016. Das Schreiben nahm so viel Platz in meinem Leben ein, dass es nicht mehr gesund war. Ich brauchte eine Art Ausgleich, ein zweites Hobby. Nachdem ich mir verschiedene Dinge angesehen hatte, die alle nicht so recht passen wollten, lag es auf der Hand: Ich würde das tun, was ich schon immer wollte. „Richtig“ singen lernen.

„Richtig“ bedeutete für mich mit korrekten Tönen, korrekter Gesangstechnik und einem grossartigen Effekt. Da ich Symphonic-Metal-Fan bin, war mein Ziel schnell klar. Floor Jansen und Simone Simons hiessen meine Vorbilder, das wollte ich auch können. Ich wollte ebenso coole Effekte mit meiner Stimme erzeugen, wollte diese Power haben und – ja, ähm, Zuhörer vom Hocker hauen. Vor allem jene, die einst gesagt hatten, ich könne es nicht …

Als Kind wurde mir stets eingebläut, ich träfe keinen Ton, könne also nicht singen. Ich hatte jedoch nie gelernt, etwas dagegen zu tun, denn die Lehrer in der Schule übergingen mich (ich hatte ja kein Talent) und meinen Eltern fehlte schlicht das Geld für Privatunterricht. Doch 2016 war ich längst erwachsen und verdiente mein eigenes Geld. Mir stand also nichts mehr im Weg. Ich würde richtig singen lernen, so richtig gut. Chaka!

Das Glück schien auf meiner Seite zu sein, denn schnell fand ich einen Lehrer für klassischen Gesang in der Nähe. Dieser holte mich jedoch direkt in die Realität zurück. Er stellte fest, dass ich Probleme damit hatte, Töne zu erkennen und korrekt wiederzugeben. Er meinte sogar, wenn man das als Kind nie gelernt hätte, sei es doppelt so schwer, es hinzubekommen. Sehr ermutigend.

Ich begann also mit den absoluten Basics: Tontreff- und Atmungsübungen. Jede Stunde bestand aus Klavier abhören, Ton suchen und Lalala-Abfolgen wiederholen. Gott, war das langweilig! Es gurkte mich an, aber ich glaubte dem Lehrer, denn schliesslich wusste ich vom Schreiben, dass es von Vorteil war, zuerst einmal die Grammatik zu beherrschen. Um es ein wenig interessanter zu gestalten, bot der Lehrer an, es jeweils gegen Ende der Lektion mit einem Lied zu versuchen. So könnte ich mit dem Lied lernen, vielleicht ginge das besser.

Aber was für Lieder das waren. Die meisten davon gefielen mir nicht und jene, die es doch taten, verleideten mir nach zwei bis drei Versuchen. Es war immer wieder dasselbe und es klappte ja doch nicht. Ich wollte doch einfach nur Singen! Immerhin: Wie besser ich ein Lied kannte, umso leichter fiel es mir. Ein Startpunkt. Trotzdem war es ein Krampf. Mit dem Klavier hatte ich ebenfalls meine Mühe, denn das ist ein Instrument, mit dem ich nichts anfangen kann. Hinzu kam, dass mein Lehrer mit „meiner“ Musik stets überfordert war. Wir sprachen nicht dieselbe musikalische Sprache. Also beendete ich diesen Unterricht frustriert.

Doch erneut schien das Glück auf meiner Seite zu sein! Denn kurz darauf traf ich auf einem Metal-Konzert ein paar alte Freunde. Einer von ihnen erzählte mir, er hätte eine Weile lang Gesangsunterricht bei einem Bekannten aus der Community gehabt. Sofort habe ich den Kerl angeschrieben. Ich ging vorbei und kam voller neuem Elan zurück. Erstens hatte er eine Gitarre zur Begleitung. Das war schon einmal viel einfacher für mich. Zweitens waren wir beide Metalfans, er verstand also, was ich wollte und ich verstand, was er erklärte. Seine Übungen erschienen mir intuitiver. Aber trotzdem blieben es Tonfindungsübungen, einfache Abfolgen und vereinzelte technische Dinge, wie Töne lauter, kraftvoller oder länger zu singen.

Für eine Weile war das interessant, denn es war neu. Bald begann sich jedoch auch das zu wiederholen und mir wurde wieder langweilig dabei. Schon wieder das Gleiche. Schon wieder Basics. Ausserdem: Wie sollte ich die richtigen Töne finden, wenn ich keine Ahnung hatte, was für Töne das waren? Ich konnte sie nicht sehen, ich konnte sie nicht benennen, ich konnte sie nicht überprüfen.

Selbst dafür fand mein neuer Lehrer eine Lösung: eine Gitarrenstimm-App. Diese Dinger zeigen mithilfe einer Nadel, welcher Ton gerade gespielt bzw. gesungen wird – und wie er heisst. Mein grösstes Problem schien gelöst. Endlich ein Durchbruch! Jetzt, da ich Namen für diese Dinger hatte und sie sah und überprüfen konnte, musste es vorwärts gehen. Freude herrschte. Für eine Woche, vielleicht auch zwei. Danach hatte ich keine Lust mehr, ständig die Tonleiter hinauf und hinunter zu kraxeln, ständig korrigieren zu müssen und das alles natürlich wieder mehrmals, denn sonst blieb ja nichts hängen.

Wir versuchten es ebenfalls mit Liedern, doch auch diese waren mir zu uninteressant und einfach. Mein Lehrer versuchte ständig, spannende Dinge auszuwählen, die Herausforderungen zu steigern und das Neue zu liefern, das ich brauchte. Es gelang ihm auch, aber ich wurde zunehmend frustrierter, weil mir nichts so gelingen wollte, wie ich mir das vorstellte. Irgendwann müsste ich doch weiter kommen. Ich müsste doch längst wenigstens die einfachen Nightwish-Songs nachsingen können. Ich wollte doch meine verdammte Epica-Tributband starten! (Okay, nicht wirklich, aber der Gedanke ist mir gekommen.)

Natürlich war ich davon noch weit entfernt. Ich konnte froh sein, wenn ich die Feinheiten in den einfachen Songs, die mein Lehrer vorschlug, einigermassen hinbekam. Das erforderte natürlich auch, immer wieder dieselben Songs, dieselben Übungen und dieselben Einzelheiten zu wiederholen. Ja, war ich denn gekommen, um vor mich hin zu dümpeln? Aufgeben wollte ich aber auch nicht, denn schliesslich schien doch irgendetwas zu passieren.

Bis ich das Gefühl hatte, auf der Stelle zu treten. Meine Schritte waren so mikroskopisch klein, dass ich kaum etwas davon bemerkte und ich wollte doch nun endlich mal gut sein. Ich wollte einfach etwas Tolles kreiieren und nicht bei all diesen doofen Übungen festhängen.

Die Lösung war klar: Ich brauchte neue Impulse. Neue Ideen, neue Ansätze. Das erklärte ich meinem Lehrer und er befand, dass einen unterschiedliche Lehrer weiterbrachten. Also fand ich eine dritte Lehrerin.

Erste Lektion schon mit Durchbruch. Wow! Genial! Super! Endlich ging es wieder vorwärts. Jetzt würde ich den Enthusiasmus zurückgewinnen. Sie empfahl mir, jeden Tag zu üben. Nur zehn Minuten, immer wieder das Gleiche. Die Idee: Durch die Wiederholung würden sich die notwendigen Mechanismen in meinem Gehirn automatisieren und ich könnte es danach einfach abrufen. Daran störten mich nur zwei Dinge: Erstens, schon wieder an den immer gleichen Sachen zu arbeiten. Zweitens hatte ich keine Zeit für „jeden Tag“. Ich schrieb ja auch noch, zeichnete, und wollte nach einem anstrengenden Arbeitstag lieber nur noch ein Buch lesen. Die Lehrerin rief mich sogar eine Weile lang an, um mich bei der Übung zu unterstützen, doch auch das stresste mich. Es gab immer irgendetetwas Wichtigeres.

Mir wurde klar, dass das auch schon früher so gewesen war. Ich hatte gesungen, wenn ich gerade Lust und Zeit gehabt hatte. Aber wie wir wissen, „hat“ man nie Zeit, man nimmt sie sich. Meine Zeit gehörte dem Schreiben, dem Zeichnen, Freunden, dem Blog oder anderen Künstlern. Selten dem Singen. Das war mir zu öde, zu anstrengend und das gewünschte Resultat blieb aus.

So endete mein Gesangsabenteuer vorläufig.

Rückblickend erkenne ich: Während dieser ganzen Zeit war ich fixiert auf ein bestimmtes Resultat. Den Prozess, der dahin führt jedoch, mochte ich nicht. Ich hatte keine Freude an diesen Übungen. Ich hatte keine Geduld, mir das nötige Wissen anzueignen. Ich wollte es einfach nur können, wollte „gut sein“, ohne die Arbeit an der Verbesserung zu tun.

Das funktioniert natürlich nicht. Denn um zu einem Resultat zu kommen, ist ein Prozess notwendig. Mir fällt auf, dass ich es beim Schreiben und beim Malen anders empfinde. Dort ist der Zauber sogar plötzlich vorbei, wenn ein Werk beendet ist. Klar, ein tolles Resultat freut mich jederzeit. Aber das wirklich Spannende ist der Prozess.

Nebst der mangelnden Begeisterung für den Prozess, gab es noch einen anderen Fehler: Das Motiv. Ich wollte in der Sache gut werden, um etwas zu beweisen. Um allen zu zeigen, dass ich doch singen kann. Was es mir gibt, was es für mich tut, welchen Sinn es für mich hat, war – nun, eher zweitranging. Das ist kein gesundes „Warum“. Das ist Ego-Scheisse, die ausser Frust zu nichts führt.

Inzwischen singe ich wieder „freestyle“ und vermutlich gefällt das meinen Nachbarn nicht. Aber ich tue es, wenn ich Lust habe und dann macht es mir Freude. Meine Ambitionen werde ich wohl erst einmal auf das Schreiben konzentrieren. Denn: Wie soll man es bis zum Gipfel schaffen, wenn man nicht hinwandern mag?

Hat dir dieser Beitrag gefallen? Jeder Beitrag von diesem Blog wird auch mit meinem Newsletter verschickt, bequem direkt ins Mail-Postfach. Hier kannst du den Newsletter abonnieren. Alternativ kannst du mir aber auch direkt im WordPressreader oder auf Instagram @kunstgluecklichleben folgen (einfach ganz unten auf eines der Bilder klicken). Ich freue mich, wenn du dabei bist!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s