Wie der innere Perfektionist uns aufhält – und was wir dagegen tun können

Immer wieder begegnen mir Sätze wie:
„So kann ich das unmöglich jemandem zeigen.“
„Nein, ich kann das noch nicht veröffentlichen, erst, wenn es perfekt ist.“
„Aber lach mich bitte nicht aus, es ist alles andere als perfekt.“

Manche Autor*innen schreiben ewig am gleichen Buch, weil sie nicht weiter machen können, bevor dieser Satz, dieser Abschnitt, diese Szene nicht absolut perfekt ist. Handwerkskünstler*innen verbrauchen mehr Material, weil sie Teile wegen kleinen Makeln wegwerfen wollen. Zeichner*innen verzweifeln, wenn die Zeichnung nicht ganz genau so aussieht wie das Referenzfoto. Es ist unser Drang, unsere Sache gut zu machen und etwas wirklich Grossartiges zu erschaffen, der uns in diese Zweifel stürzt. Wir glauben, was nicht perfekt ist, wäre nichts wert und werde ganz bestimmt ausgelacht. Wir sehen die Zeigefinger unseres Publikums oder unserer Kunden schon, bevor wir unser Werk überhaupt vollendet haben.

Dieses Denken hat zwei Seiten. Zum einen ist es gut, dass wir ambitioniert sind und unser bestmögliches Produkt schaffen wollen. Das treibt uns an und gibt uns die Disziplin, daran zu feilen, bis es wirklich richtig gut ist. Es lässt uns selbstkritisch bleiben, was nötig ist, um uns weiterzuentwickeln und zu verbessern – und nicht einfach irgendein dahingepfeffertes Ding auf die Welt loszulassen. Das sind die positiven Aspekte.

Auf der anderen Seite können wir uns verlieren. Wenn wir darauf bedacht sind, von Anfang an alles richtig zu machen, übersehen wir, dass uns zu Beginn meistens gewisse Informationen und Erfahrungen fehlen. Wir ignorieren, dass wir nicht alle Zeit der Welt haben. Wir verlieren den Überblick, das grosse Ganze aus den Augen. Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Wenn das passiert, ist das nicht mehr förderlich für unsere Entwicklung, sondern hindert unser Vorankommen. Wir bleiben bei dieser einen Sache stecken, die zuerst perfekt sein muss. Somit sind wir dann blockiert und auch andere Dinge leiden darunter (weil wir vielleicht keine Lust darauf haben, denn wir regen uns darüber auf, dass das eine nicht perfekt ist).

Doch dagegen können wir etwas tun! Wir können uns überwinden, Unperfektes so stehen zu lassen. Anfangs muss man sich dazu zwingen, aber wie öfter man es tut, umso einfacher wird es. Hier sind ein paar Gedanken, die dabei helfen können:

  • Die 70%-Regel. Amazon-Guru Jeff Bezos erklärte vor einigen Jahren, 70% der notwendigen Informationen genügten ihm, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Er fügte hinzu, dass man meistens zu spät dran wäre, wenn man auf die 100%-Sicherheit warte. Das bezog sich nun zwar auf (sein) Unternehmen, aber wir können das adaptieren. Erfahrungen zeigen, dass viele Leute sogar mit weniger durchkommen, und manchmal auch sehr erfolgreich. Die 100% der Informationen zu erlangen ist sehr schwierig, zumal unsere „Fachgebiete“ so komplex sind, dass dies ein Leben dauert. Und auch dann haben wir wahrscheinlich noch nicht ausgelernt. Ebenso können wir diese Regel für die Qualität unserer Werke anwenden, denn: Wir sehen Fehler, die aussenstehende gar nicht bemerken. Unser Werk kann für jemand anderen längst perfekt sein, wenn wir noch immer das Gefühl haben, es fehlen die 30%.
  • Der Sprung ins kalte Wasser. Es gibt diese Geschichte von dem Jungen, der noch nie in seinem Leben geschwommen ist und von einem unsensiblen Lehrer ins Wasser geworfen wird. Entweder, er lernt es, oder er stirbt. Okay, in dieser extremen Form ist das möglicherweise schädlich. Aber nur mit Wagnissen können wir unsere Grenzen verschieben. Solange wir uns auf der sicheren Seite bewegen, werden wir unser Spielfeld nicht erweitern. Wir müssen die Grenze überschreiten und uns Schritt für Schritt ein grösseres Gebiet erobern. Beginne langsam. Zeige dein work in progress einer vertrauten Person, von der du weisst, dass sie dich ernst nimmt. Sprich mit anderen darüber, wie es ihnen dabei ergangen ist, ihre Sachen zu präsentieren. Gib ein Stück deines Werkes in geschütztem Rahmen für Feedback frei. Und dann: wiederhole.
  • Der Prozess. Beim Prozess geht es darum, sich auf die unmittelbar vor einem liegende Aufgabe zu konzentrieren. Arbeiten wir an einem Entwurf, brauchen wir noch nicht an das Publikum zu denken. Sind wir gerade an einem bestimmten Teilstück unseres Werkes, brauchen wir noch nicht das perfekte Endresultat vor uns zu sehen. Wir müssen auch damit rechnen, dass mehrere Überarbeitungen nötig sein werden. Alles ist ein Prozess, Dinge entstehen schrittweise. Das Sprichwort „Rom wurde nicht in einem Tag erbaut“ kommt nicht von ungefähr. Ein Kunstwerk macht eine Entwicklung durch und das ist in Ordnung.
  • Unsere Aufnahmefähigkeit ist beschränkt. Jede*r, der*die schon einmal einen Bürojob hatte, kennt diese Situation: Ein ganz normaler Tag, man erledigt ein paar Routine-Aufgaben, hat alles im Griff. Dann ruft ein Kunde an und möchte wissen, was eigentlich der Stand zu seinem Anliegen ist. Da sitzt man dann und muss feststellen, „Mist, den habe ich total vergessen.“ Das liegt daran, dass wir keine Computer sind, die endlos viele Daten speichern können. Unser Gehirn schaltet sich ständig um und aktiviert jene Areale, die für unsere aktuelle Aufgabe gerade wichtig sind. Nebenbei koordiniert es unseren Körper. Eine Information, die unsere Augen oder Nervenzellen erreicht, rast in Sekundenbruchteilen in unser Gehirn und wird dort ebenso schnell verarbeitet, damit wir in „real time“ darauf reagieren können. Ist es da ein Wunder, dass manchmal etwas durch das Raster rutscht? Genau gleich verhält es sich mit unserer kreativen Arbeit. Wir können gar nicht alles, was theoretisch möglich wäre, gleichzeitig erfassen und dann auch noch umsetzen. Aus dem Zeichnen von Menschen habe ich gelernt, dass es gar nicht möglich ist, sämtliche Details eines realen Gesichts korrekt abzuzeichnen. Ich sehe schlicht nicht alle, selbst wenn ich das Gesicht zuvor jahrelang studiert habe. So verhält es sich mit allem. Mehr geht immer. Die Frage ist, bis zu welchem Punkt das unserem Werk gut tut.

Was ich damit sagen will, ist: „Schlecht“ sein ist nicht nur erlaubt, sondern natürlich. Es ist ganz normal, dass ein erster Entwurf eines Buches eine Menge Fehler hat. Es ist normal, dass eine Zeichnung nicht exakt gleich aussieht wie das Referenzfoto. Es ist normal, dass ein Stück Material sich möglicherweise nicht exakt nach unseren Wünschen verhält. Menschen sind nicht perfekt erschaffen worden, die Beweise dafür sehen wir jeden Tag vor uns. Deshalb können auch unsere Werke nicht perfekt sein. Wir werden niemals 100% aller verfügbaren Informationen haben. Deshalb müssen wir versuchen, den inneren Perfektionisten zum Schweigen zu bringen und etwas, das wir als „gut“ empfinden, einfach mal entlassen.

Wie wir das machen? Überwindung, lautet das magische Wort. Die Augen zusammen kneifen und sich sagen: „Ich mache das jetzt, ich will es wissen.“ Vielleicht musst du das hundertmal tun, bevor du es wirklich schaffst, aber ich verspreche dir, dann ist es ein tolles Gefühl. Vorsichtig vertraute Personen darauf ansprechen. Andere kreative finden, bei denen man seine Ängste äussern kann (bei Gleichgesinnten kann man sich sicher fühlen, denn sie verstehen einen, weil es ihnen genau so geht). Dinge posten, ob im geschützten Rahmen eines geschlossenen Forums oder gleich auf Social Media.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen positiv reagieren. Sie sind interessiert und wollen mehr erfahren. Die meisten sind in der Lage, eine negative Rückmeldung in konstruktiver, aufbauender Weise zu verpacken. Wenn es mal jemand nicht ist: Herausziehen, was du nutzen kannst und weitermachen. Es ist nicht einfach, den inneren Perfektionisten zum Schweigen zu bringen, aber es ist möglich, ihn zurückzudrängen. Indem wir wagen, indem wir herausgehen und auch einmal etwas Unfertiges stehen lassen oder gar zeigen. Indem wir uns vor Augen halten, dass wir auch irgendwann mit diesem Projekt fertig werden wollen, denn es warten schliesslich noch sieben andere. Indem wir uns anschauen, was für unperfektes Zeug die anderen in die Welt hinaus tragen. Nicht, um uns zu vergleichen, sondern um uns zu ermutigen, es ebenfalls zu versuchen.

Wie heisst es noch so schön? Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern zu wissen, dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst. (Und unperfekterweise weiss ich leider nicht mehr, von wem das ist und bin jetzt gerade zu faul, es zu googeln. ;-)) Was ist dir wichtiger als die Angst?

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