Haben andere mehr Glück als wir selbst?

Wir alle sind selbst auch Fans. Von anderen Autor*innen, anderen Zeichner*innen, anderen Musiker*innen oder Leuten, die etwas völlig anderes machen. Vielleicht mögen wir auch verschiedene Künste und folgen Künstler*innen aus allen möglichen Sparten. Mit dem Interesse an dem Werk kommt oft auch das Interesse an der Person oder umgekehrt: Wir werden auf eine Person aufmerksam und möchten dann wissen, was die schon gemacht hat.

An diesem Punkt stossen wir nun ab und zu auf solche Texte: „Sie hat mit 17 ihren ersten Roman veröffentlicht, wurde dann für Preis XX nominiert, weshalb Verlag soundso auf sie aufmerksam wurde, wo sie dann mit ihrem zweiten Buch mit 18 gross rausgekommen ist, wurde von Magazin ZZ zur Autor*in des Jahres gewählt und hat ausserdem 100 Kurzgeschichten veröffentlicht.“ Followerzahlen astronomisch, bei gefühlt jeder Aktion und jeder Messe vertreten. (Falls du nicht Autor*in bist, ersetze einfach Autor*in durch das, was passt. ;-)).

Wenn man nun selbst, sagen wir, ein bisschen älter ist, nicht ganz so schnell arbeitet, weniger Veröffentlichungen hat, es nicht schafft, überall präsent zu sein und selbst gefühlt nie irgendwo empfohlen wird, kann einen das herunterziehen. Es entsteht der Eindruck, der anderen Person wäre alles in den Schoss gefallen, sie hätte viel mehr Glück gehabt als wir und wäre allgemein besser dran. Gedanken wie „Warum hat die so viel Glück und ich nicht?“, „Was mache ich falsch?“, „Was muss ich eigentlich noch tun?“ undsoweiter sind dann nicht mehr fern. Es ist noch nicht einmal Neid in dem Sinn, dass man es der anderen Person nicht gönnen würde, sondern ein Unzulänglichkeitsgefühl, weil die Person scheinbar mehr erreicht hat. Ein Gefühl der Unfairness, vom Universum gegenüber uns.

Bei genauerer Betrachtung verändert sich dieses Bild jedoch. Denn wir sehen von anderen immer nur die Resultate (sofern wir jemanden nicht persönlich kennen). Wir haben keine Ahnung, wie lange oder wie hart sie wirklich dafür gearbeitet haben. Wir wissen nicht, wie viele Fehlversuche dem Glück vorangegangen sind. Wir wissen nicht, ob diese Personen mit ihrer Situation zufrieden sind, oder der Verlger/Produzent/Manager möglicherweise ein hinterhältiger Betrüger ist. Wir sehen nicht, wie supportive oder unsupportive ihr direktes Umfeld ist. Wir hören nicht ihre Gedanken und kennen ihren Antrieb nicht.

Unsere eigene Situation kennen wir jedoch ganz genau. Die Autorin, die mit 17 ihr erstes Buch herausbringt, schreibt möglicherweise in jeder freien Minute. Ich hingegen z.B., fand es als Teenager wichtiger, mit meinen falschen Freunden herumzuhängen, irgendwelchen Sehnsüchten nachzujagen, die Schule zu schwänzen, um auf Konzerte zu gehen, und ständig irgendwie verknallt zu sein. Ich habe auch geschrieben, auch viel. Aber nicht so viel, wie ich hätte können, wenn ich mich nicht all diesen anderen Dingen hingegeben hätte. Zudem habe ich erst später begonnen, mich mit dem Schreibhandwerk auseinanderzusetzen. Doch hätte ich nicht dieses Leben nicht geführt, hätte ich nicht die Erfahrungen gemacht und die Dinge gesehen, die mir heute Stoff für meine Bücher liefern.

Es ist auch eine Frage der eigenen Arbeitsweise. Manche können ein Werk planen, innerhalb einer vorgegebenen Zeit produzieren und nebenbei noch eine Werbekampagne aufsetzen. Andere können das nicht und müssen alles schrittweise machen. Manche können ohne Weiteres auf neue Gesichter zugehen und mir nichts dir nichts mit ihnen sprechen. Andere eben nicht, sie brauchen etwas mehr Zeit oder ein gemeinsames Thema, bei dem sie sich einklinken können (einklinken wohlgemerkt, nicht selbst starten). Manche können sich auf natürliche Weise gut verkaufen, bei anderen wirkt das aufgesetzt und sie müssen es zuerst lernen (oder einen anderen Weg suchen). Manche haben bereits eine Bubble, wenn sie starten, andere müssen sich zuerst eine aufbauen.

Und das alles ist in Ordnung.

Wir haben unsere eigenen Prioritäten, unser eigenes Tempo und unsere eigenen Umstände. Vielleicht haben wir weniger Glück als andere. Vielleicht blockieren wir uns aber auch selbst, weil wir uns hetzen, obwohl wir eigentlich Zeit bräuchten. Vielleicht sehen wir nicht, dass die Umstände, die uns vermeintlich zurückgehalten haben (oder es immer noch tun), wichtig sind für unsere Inspiration. Vielleicht folgen wir einer Strategie, die für uns nicht funktioniert, weil wir anders ticken – weil die Tipps, die wir irgendwo aufgelesen haben, nicht zu unserem Wesen passen. Vielleicht ist etwas anderes gerade wichtiger.

An dieser Stelle habe ich wieder eine kleine Denkaufgabe für euch. Überlegt euch, was „Glück“ für euch bedeutet. Warum glaubt ihr, dass jemand anders so viel weiter ist? Dann sieht euch eure eigenen Umstände an: Wäre es euch unter diesen Bedingungen möglich, mit eurer Art zu funktionieren, dieselben Dinge zu tun? Müsst ihr genau dieselben Dinge schaffen, um glücklich zu sein?

Und, was stellt ihr fest? Ich merke bei diesen Fragen meistens, dass ich genau dasselbe a) gar nicht tun könnte und b) nicht sicher bin, ob ich das wollte. Z.B. bewundere ich all die Selfpublisher-Autor*innen, die alle zwei Monate ein Buch raushauen und davon leben. Ich denke, „wow, wie macht ihr das nur?“ Aber für mich selbst? Ich brauche 2 Jahre an einem Buch, wenn es so werden soll, wie ich mir das vorstelle. Der Druck, mit den Büchern Geld verdienen zu müssen, würde mich ausserdem blockieren. Und wahrscheinlich würde mir auch die Decke auf den Kopf fallen, aber davon hatte ich es ja schon einmal…

Abgesehen davon: Würde man die Personen, die vermeintlich so unglaublich viel Glück haben, fragen, werden die meisten sagen, dass auch ihr Weg steinig war. Sie werden offenbaren, dass es manchmal nur von aussen wie Glück aussieht. Dass auch sie zweifeln und sich hinterfragen und hin und wieder unsicher sind. Ist ihr Glück nun wirklich so viel grösser als unser eigenes? Nein, sie sind lediglich an einem anderen Punkt und kommen von einem anderen Weg.

Das heisst nicht, dass wir nichts versuchen oder uns andere Personen nicht zum Vorbild nehmen sollten. Es geht darum, zu erkennen, dass unser Weg auch dann richtig sein kann, wenn er länger ist oder woanders hindruch führt. Einige Strassen haben mehr Kurven als andere, doch sie alle können an denselben Ort führen – wenn das der Ort ist, zu dem wir wollen.

Aber was, wenn wir nie ankommen? Die Frage mag begründet sein, aber die Antwort ist einfach: Das wissen wir erst, wenn wir tot sind.

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