Der Traum vom Ruhm im Realitätschek

Ein Begriff, der einem im Zusammenhang mit kreativen Künsten häufig begegnet, ist: „Der Traum“. Für Künstler*innen ist völlig klar, was er bedeutet. Die meisten von uns verstehen darunter drei Dinge: 1) Reich und 2) berühmt werden oder 3) von der Kunst leben zu können. Wir hegen die Vorstellung, dass es uns in irgendeiner Weise besser gehen wird, wenn wir diese Ziele erreichen.

Doch ist unser Leben wirklich schlechter, wenn wir unsere Kunst „nur“ als Hobby betreiben? Wären wir tatsächlich glücklicher, wenn es unser Job wäre? Was würde sich dadurch ändern und inwiefern wären diese Verändungen zum Besseren?

Machen wir einmal einen Realitätscheck. Wenn ich meine Vorstellung davon, was „der Traum“ alles beinhaltet, gegen meinen jetzigen Alltag abwäge, stelle ich ein paar interessante Dinge fest. Schauen wir uns das doch einmal genauer an.

1) Reich sein

Reichtum stellen wir uns als etwas vor, das unser Leben vereinfacht und verbessert. Bei mir sieht das zum Beispiel so aus: Ein schnelles Auto (so etwas mit einem silbernen Katzentier drauf) und eine eigene Garage, in der ich es einstellen kann. Natürlich in meinem kleinen Häuschen am Hügel mit Aussicht.

Was es bringt, liegt auf der Hand, oder? Ein geiles Auto, ein bisschen die Sau raus lassen, Gas geben … Oh, Moment. Ist in der Schweiz gar nicht möglich, weil Geschwindigkeitsbegrenzungen. Gut, dann fahre ich eben nach Deutschland, ist ja nicht weit. Komme dort aber ernüchtert an, denn die anderen Verkehrsteilnehmer sind auch noch da und ein rücksichtsloser, unvernünftiger Idiot will ich nicht sein. Bleibt noch die Möglichkeit, auf eine Hobbyrennstrecke zu fahren, um das Teil so einmal im Jahr richtig zu nutzen. Ja, das muss wohl reichen, denn es braucht ja doch etwas Organisation und dafür bin ich zu faul. Das geile Auto mit dem Tempokick würde also in dieser hübschen, kleinen Garagen verrotten. Für den Alltagsbetrieb ist mir so etwas nämlich zu teuer und zu unpraktisch. Ganz abgesehen davon, dass es keinen Spass macht.

Habe ich schon erwähnt, dass die Garage und das Haus gereinigt werden müssten? Klar, ich hätte eine Putzfrau. Aber wie soll ich arbeiten, wenn die da so einen Lärm veranstaltet? Ich bräuchte ein separiertes Büro, aber wozu dann das Haus? Okay, mal angenommen, das ist das kleinste Problem. Angenommen, ich geniesse das Haus. Bis der Nachbar sich über meine Gesangsübungen oder meinen Sound beschwert, und weil er ein bisschen stur ist und ich auch, zieht er mit dem Fall vor Gericht. Schon wieder so eine Störung. Ich wollte doch einfach nur schreiben! Okay, ich gewinne.

Ob ich nun bleibe oder ausziehe und das Haus vermiete, spielt dabei keine Rolle. Es muss bewirtschaftet werden. Von dem Aufwand dafür mag ich gar nicht sprechen. Gut, leiste ich mir eben eine Verwaltung. Aber woher weiss ich, dass die ihren Job richtig machen? Das muss ich selbst überprüfen, wenn ich sicher sein will. Angestellte muss man übrigens auch überprüfen, wenn man kein grenzenloses Vertrauen in die Welt hat.

Ich hätte also gar nicht so viel mehr Zeit zum Schreiben. Die bräuchte ich aber wirklich dringend, denn wenn meine Bücher sich so gut verkauften, wäre ich ja berühmt. Dann hätte ich natürlich auch einen grossen Verlag, der seine Veröffentlichungen zwei Jahre im Voraus plant und das nächste Buch deshalb rechtzeitig braucht ….

2) Berühmt sein

Unsere Gesellschaft ist geprägt von einer „alles-ist-möglich“-Haltung. Das Internet suggeriert sie uns, die Medien suggerieren es uns, Selbsthilfegurus aus aller Welt machen Millionen damit. Der sogenannte „American Dream“ – Underdog schafft es bis ganz nach oben – hat sich längst international etabliert.

Die Sache ist nur die: Diese supererfolgreichen Menschen zeigen uns meistens nur die guten Seiten ihres Lebens. Sie verkaufen „den Traum“, den sie angeblich selbst leben, denn somit können sie weiter existieren. Es ist Teil ihres Kapitals, das Menschen wie wir, die nicht am selben Punkt sind, ihnen nacheifern. Okay, fairerweise muss man sagen, dass nicht alle so sind. Es gibt auch die ehrlichen, diejenigen, die uns erzählen, wie es wirklich ist. Wie sie am Druck und der Erwartungshaltung, die mit dem Erfolg kamen, beinahe zerbrochen sind. Wie sie sich in Suchtkrankheiten manövriert haben, weil sie mit der harten Realität ihres Businesses nicht mehr klargekommen sind. Oder wie sie sich wünschen, wieder „ganz normal“ zu sein. Ungestört essen gehen zu können oder auch nur das Hotel zu verlassen, ohne von Fans belagert zu werden.

Und dann gibt es noch die, die tatsächlich glücklich sind mit dem Erfolg. Ja, da erscheint es erstrebenswert. Sicherlich ist das eine Möglichkeit, die passieren kann, und das ist es auch, was wir alle wollen, richtig? Dann hätten wir „es geschafft“. Ähm, warte … Was heisst eigentlich „es geschafft zu haben“? Was will man eigentlich geschafft haben? Wenn nämlich diese Leute, die vemreintlich so weit sind, nach ihren Zielen gefragt werden, antworten sie dasselbe wie jede*r von uns: Sie finden immer wieder neue Dinge, die sie noch nicht erreicht haben, die sie noch machen wollen, die sie als grosse Herausforderung bezeichnen und von denen sie nicht wissen, ob sie es schaffen. Nicht so, wie der andere da, den sie bewundern …

Aus unserer Sicht mögen jene, die wir bewundern, vieles geschafft haben, aber aus ihrer eignen Perspektive? Der Horizont verschiebt sich immer weiter, wie näher man ihm kommt. Das ist eine Tatsache. Da wir nicht wissen, wohin andere Leute überhaupt gehen wollen, können wir auch nicht wissen, ob sie es geschafft haben. Wir wissen nicht, was deren Ziele und Absichten sind, oder wovon sie meinen, dass es ihnen noch fehlt.

Vielleicht ist ihr Ziel ja eine glückliche Beziehung, die du bereits hast und sie nicht. Vielleicht wäre der geniale Sänger lieber Autor geworden oder die grossartige Illustratorin würde gerne ihre eigenen Möbel zusammenbauen können. Vielleicht würden diese Leute uns für irgendetwas bewundern, das uns in ihren Augen besser gelingt als ihnen selbst. Das wissen wir nicht, wenn sie es uns nicht verraten. Deshalb stellt sich immer die Frage, ob sie wirklich so erfolgreich sind, wie wir denken.

3) „Nur“ davon leben

Davon leben. Endlich keinen mühsamen Brotjob mehr machen, endlich das machen, was man liebt. Jeden Tag. Den ganzen Tag. Immer. Zugegeben, das klingt erst einmal toll. Es gibt auch Menschen, für die es wirklich toll ist, das möchte ich nicht wegleugnen. Aber auch hier lohnt es sich, einmal anzuschauen, was es für einen selbst bedeuten würde.

In der Schweiz zum Beispiel würde das heissen, ich müsste pro Monat 3’000 Bücher verkaufen, wenn ich pro Buch 1 Franken bekomme. 3’000 Bücher. Pro Monat. Und dann lebe ich am unteren Limit. Ohne Luxus und ohne Sonderwünsche. Kein Grossbritannien-Urlaub mehr, kein schönes Essen im Restaurant an meinem Geburtstag, kein exklusiver Merchandise von meinen Lieblingsbands. Weniger Konzerte. Ich könnte froh sein, wenn ich meine Miete und mein Essen bezahlen könnte.

Es würde für mich auch bedeuten, von zu Hause aus zu arbeiten. Ich habe eine Zweizimmerwohnung und ich hasse es, am selben Ort zu arbeiten, wie ich lebe. Ich kann in meinem Wohnzimmer schreiben, weil ich Schreiben momentan nicht als „Arbeiten“, sondern als Teil vom „Leben“ betrachte. Ausserdem brauche ich morgens immer etwas Zeit, um mich umzupolen. Dafür eignet sich ein Arbeitsweg ganz gut.

Separates Büro? Könnte ich mir ja nicht leisten, ich wäre ja nicht reich und berühmt. Ich würde zwar tun, was ich liebe, aber das tue ich ja bereits sowieso. Zudem müsste ich auch schnell nachliefern, denn ich wollte ja die 3’000 Bücher pro Monat verkaufen. Wenn ich unter Abgabedruck gerate, setzt meine Kreativität gerne mal aus. „Sorry, Autorin, zu viel Druck, das geht so nicht, ich brauche schon etwas Freiheit“, sagt die dann. Mal abgesehen davon, dass ich dann noch keine Zeit in Werbung, Kommunikation mit Bloggern und Fans, und ähliche Dinge inverstiert hätte.

So sähe also „der Traum“ bei mir im Realitätscheck aus. Da bin ich doch ganz froh, dass ich mir für mein nächstes Buch alle Zeit der Welt nehmen kann, weil ich nämlich nicht darauf angewiesen bin. Ich bin froh, dass ich in einer Mietwohnung lebe, um die ich mich fast nicht kümmern muss (ausser der Reinigung). Und meine Nachbarn haben auch kein Geld für den Anwalt, falls ich zu viel singe. Ich komme nach meiner Arbeit nach Hause in meine Entspannungsoase, wo ich auch wirklich nicht mehr an die Arbeit denken muss. Meistens jedenfalls. Okay, okay, ich träume immer noch von dem eigenen Haus. Aber so alles in allem, stelle ich fest, dass mein jetziges Leben gar nicht so schlecht ist.

Das heisst nicht, dass ich das aufgebe. Ich werde weiterhin Bücher schreiben und veröffentlichen, denn das ist es, was ich tun möchte. Das kann ich aber auch ohne Traum und ich brauche mir keinen Stress zu machen, wenn ich „es nicht schaffe“. Denn ich schaffe es ja auch so (die Bücher zu beenden und an die Leser*innen zu bringen).

Jetzt bist du dran: Mache dir eine ganz genaue Vorstellung davon, wie dein Leben aussehen würde, wenn du „den Traum“ erreicht hast. Überlege dir, was sich ändern würde, positiv und negativ. Frage dich, ob du wirklich alle diese Veränderungen annehmen könntest. Frage dich, was du verlieren würdest und ob der Gewinn das aufwiegt. Wie sieht es aus? Ist es immer noch so ein Traum? Oder sieht dein aktuelles Leben dagegen auch ganz gut aus?

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